von Hans-Georg Wigge

Er besaß unbestritten alle Attribute um zu einem Publikumsliebling zu werden. Seit dem Tag seines Auftauchens rief sein Erscheinen allerorten Entzücken hervor. Mit seinem Frauchen hatte Struppi, seines Zeichens ein Zwergdackelrüde, von der neuen Wohnung in der Seniorenresidenz "Rentnerfrieden" und zusätzlich von allen Herzen der Senioren Besitz ergriffen. Struppi mutierte schnell zum meistgeliebten Hund weit und breit und hätte sein Frauchen den Liebesbezeugungen nicht ab und an Einhalt geboten, wäre ihm sein Fell wohl bis auf die Knochen weggestreichelt worden. Schon bald ging das Gerücht um, der kleine Hund besäße Menschenverstand. Seinen außergewöhnlichen Status genießend, verbreitete er einen unwiderstehlichen Charme. Die vielen, ihm heimlich zugesteckten Leckerlis hinterließen bereits erste Spuren in Form eines einem Hängebauchschwein gleichenden Bauchansatzes. In den nachmittäglichen Seniorenkaffeetalkrunden ging die Mär um, dass er über einen unglaublichen Instinkt verfüge. Immer wieder sei er beim Besuch eines kleinen Mädchens, welches tagtäglich kurz einmal bei ihrer Großmutter vorbeischaute, förmlich ausgerastet, trotzdem ihm das Kind mit ausgesuchter Freundlichkeit begegnete.

 

Niemand konnte sich das wütende Bellen, Knurren und Anspringen erklären, bis ein analytisch denkender, ehemaliger Oberstudienrat das Mädchen gebeten hatte, seinen Rucksack zu öffnen. Und siehe da, auf dem Titelblatt eines linierten Schulblockes war ein Fasan abgebildet, der den offensichtlich hervorragenden Jagdinstinkt Struppis geweckt hatte.  Damit war der Beweis erbracht, dass sich in Struppi emotionale Intelligenz und tierischer Instinkt förmlich manifestiert hatten. Er galt von nun an als der tierische George Clooney des Wohnheimes. Es gab auch keine Zeugen für das oben beschriebene Phänomen der Fasanenjagd und weder das Mädchen noch der ominöse Oberstudienrat waren jemand bekannt, doch das tat der Legendenbildung um den kleinen Wadenbeißer keinen Abbruch. 


Wieder einmal tollte Struppi an diesem sonnigen Nachmittag zwischen den Senioren im gemütlich gestalteten Aufenthaltsraum herum und genoss das Rampenlicht. Selbst die Knurrigsten wurden beim Blick in diese braunen Knopfaugen weich wie Wachs im Hochsommer. Gerade entließ eine Bewohnerin mit strahlenden Augen den kleinen Freudenspender aus ihren Armen, damit er einem anderen Mitbewohner ein wenig Nähe und Wärme vermittelte, als Struppi langsamer wurde, das Taumeln anfing und mit einem Schnaufer zur Seite fiel. Dann raffte er sich wieder auf, rannte orientierungslos vor ein Stuhlbein, um erneut alle Viere von sich zu strecken. Fassungslos hatten die im Raum Anwesenden das makabre Schauspiel beobachtet. Eine an Demenz leidende Bewohnerin brach in Tränen aus und rief um Hilfe. Ein anderer hatte bereits sein Notrufarmband zweckentfremdet und musste sich nun belehren lassen, dass der Notruf nur für Menschen benutzt werden durfte.

Schnell stellte ein ehemaliger Krankenpfleger, mittlerweile selbst Bewohner des Rentnerfriedens, fest, dass Struppi zwar wie tot auf dem Holzparkett lag, aber sein Herz noch ruhig und gleichmäßig schlug.

 

Vielleicht sei er vom vielen Hätscheln zu erschöpft, mutmaßten die Ersten. Sein Frauchen nahm ihn auf den Arm und begab sich mit ihm auf ihr Zimmer. Mit bebenden Fingern wählte sie die Nummer ihrer Tochter und erzählte ihr vom plötzlichen Erkranken ihres Lieblings. Ihre Tochter hatte jedoch frühestens in fünf Stunden die Möglichkeit ihren Arbeitsplatz zu verlassen um mit Struppi den Tierarzt aufzusuchen. Daraufhin bat die alte Dame einen Wohnheimmitarbeiter um Hilfe. Der schaute sich den friedlich schlummernden Struppi, dessen einziges außergewöhnliches Lebenszeichen ab und zu ein reflexartiges Muskelzucken war, an  und befand, dass es sich um keinen Notfall handele. Mit den Worten: Lassen sie ihn mal in Ruhe ausschlafen und dann wird das schon wieder, ließ er Struppis Frauchen zurück. Diese hatte Struppi mittlerweile in ihren elektrischen Fußwärmer deponiert und wehrte die traubenartig auftretenden Krankenbesuche der anderen Mitbewohner an der Tür ab. 

Struppi braucht Ruhe, bitte nicht stören, schrieb sie auf ein Blatt und befestigte es mit Tesafilm an der Tür. Selbst ihrer besten Freundin, die mit dem Allheilmittel Klosterfrau Melissengeist vor der Tür stand, verwehrte sie den Eintritt. Fünf Stunden später kam ihre Tochter angeeilt. Gerade als sie die Tür hinter sich schloss, erwachte Struppi, gähnte, reckte und streckte sich, kam etwas wackelig auf die Beine und schaute verständnislos in das Gesicht zweier ihn interessiert und überrascht beobachtenden Frauen.

 

Struppis Frauchen konnte sich von ihrer Tochter nun erstmal eine Strafpredigt über noch im vollen Leben und ewig unter Zeitdruck stehende alleinerziehende Mütter von drei Kindern anhören, die sich auch noch um ihre hysterischen Mütter kümmern müssen, deren Hunde einen überdimensionierten Mittagsschlaf machen. Das war Struppis Frauchen jedoch egal. Sie war froh dass er wieder unter den Aktiven weilte und betrat, nachdem ihre Tochter ziemlich angesäuert das Wohnheim verlassen hatte, unter dem Jubel der anderen mitfühlenden Senioren mit Struppi im Schlepptau wieder den Aufenthaltsraum.

 

Der Prinz gab von den Toten erwacht seine Aufwartung und das Gefolge applaudierte.

Nach dem Abendessen und einem kurzen Plausch begab sich Klara Moorberg, eine andere Mitbewohnerin des Seniorenheimes, zurück auf ihr Zimmer, um nicht den Beginn vom Winterfest der Volksmusik zu verpassen. Vorab wollte sie aber noch ihre Antidepressiva und eine Beruhigungstablette nehmen. Nach dem Tod ihres Mannes war sie im Angesicht des plötzlichen Endes einer langen Liebe in ein tiefes Loch gefallen und verdankte ihr Auftauchen aus der Dunkelheit einer Therapie und dem Segen der Medizin. Schritt für Schritt kämpfte sich zurück in den Alltag. Sie griff in ihre Jackentasche, in der sich das Pillendöschen mit den Beruhigungstabletten befand, in dem sie sich nach dem Mittagsessen die Abendpille und bereits die drei Tabletten für morgen gelegt hatte. Dann stellte sie fest, dass der Deckel des Pillendöschens abgefallen war und sie wohl beim Herausholen des Taschentuches, welches sich ebenfalls in der Jackentasche befand, die Beruhigungspillen im Aufenthaltsraum verloren hatte.

 

Wäre Struppi ein Mensch, hätte er sich nun einen Reim darauf machen können, warum er nach dem Genuss dieser vier kleinen Leckerlis, die er unter einem Tisch im Aufenthaltsraum gefunden hatte, von jetzt auf gleich in einen, dem Tode ähnlichen Schlaf fiel. Da Klara Moorberg dem Verlust der Beruhigungspillen aber keinen weiteren Gedanken widmete, blieb das Geheimnis um das Spontankoma des kleinen Vierbeiners bis heute ungeklärt.